Anatoli Pristawkin: Ich flehe um Hinrichtung

am 25. Mrz 2003 in Rezensionen

Anatoli Pristawkin hat einen erschütternden Bericht über seine zehnjährige Arbeit als Vorsitzender der Begnadigungskommission des russischen Präsidenten vorgelegt. Sein Buch „Ich flehe um Hinrichtung“, das jetzt in einer ausgezeichneten deutschen Übersetzung vorliegt, ist ein zutiefst menschliches Sachbuch über das reale Russland der 90er Jahre.

Von 1992 bis 2001 existierte in Russland eine Begnadigungskommission, die sich mit Gnadengesuchen, Eingaben und Bitten von Häftlingen und ihren Angehörigen befasste. Das Besondere an der unter Präsident Boris Jelzin ins Leben gerufenen und unter Präsident Wladimir Putin abgeschafften Institution war, dass sie ausschließlich aus „Leuten, die in der Gesellschaft Autorität genossen“ bestand und nicht, wie zuvor und inzwischen auch wieder, aus Ministern, Juristen oder Generälen.

Anatoli Pristawkin, Jahrgang 1931, der als Schriftsteller vor allem durch die Trilogie „Schlief ein goldenes Wölkchen“, „Der Soldat und der Junge“ und „Wir Kuckuckskinder“ bekannt wurde, erklärte sich bereit, die Leitung der Kommission zu übernehmen, ohne sich zu jenem Zeitpunkt darüber im Klaren zu sein, auf welche übermenschliche Arbeit er sich einließ.

Schreiten durch ein finsteres Tal

Nach seiner zehnjährigen Arbeit legt Anatoli Pristawkin dieses Buch vor, entstanden „aus einem Gefühl der Ohnmacht und des Schmerzes“. Er habe diesen Bericht in erster Linie für sich selbst geschrieben, sagt Anatoli Pristawkin in der Nachbemerkung und räumt ein, dass ihm das Schreiben nur für kurze Zeit eine Erleichterung, eine Atempause gebracht habe.

Das russische Original ist „Tal des tödlichen Schattens“ betitelt, und so empfindet Anatoli Pristawkin das Leben im gegenwärtigen Russland und die Arbeit seiner Kommission: als ein Schreiten durch ein finsteres Tal, von dem niemand weiß, ob es ein Ende hat oder jemals zu durchschreiten ist. Wenn auch die Lektüre seines Berichtes wenig Raum für Hoffnung lässt, so lässt zumindest die Tatsache hoffen, dass es Menschen wie Anatoli Pristawkin gibt, die sich trotz alledem Mitgefühl und Menschenliebe bewahrt haben.

Anatoli Pristawkin berichtet von der Alltagskriminalität, von Wirtschaftsverbrechen, von Todeskandidaten, von unschuldig Verurteilten und von uneinsichtigen Schuldigen, vom Leben der in den Gefängnissen und Lagern Inhaftierten. Er zitiert Anklageschriften, Urteile, Geständnisse und Gnadengesuche, Briefe von Verurteilten, von Angehörigen der Täter und der Opfer. Er und die Mitglieder seiner Kommission, Schriftstellerkollegen, Künstler, auch ein Geistlicher und ein Psychologe sind darunter, fragen nach den Ursachen für die Verbrechen, suchen Gründe und versuchen, Mitgefühl zu lernen für Menschen, die sich gefühlskalt an anderen vergangen haben.

Muster der alltäglichen Gewalt

Immer wieder klingen Anatoli Pristawkins Ohnmacht und Entsetzen durch, wenn er von den zahllosen Fällen sinnloser Verbrechen berichtet. Er kann diese Schreckensberichte nicht rein sachlich abhaken – darin liegt die Stärke der Kommissionsmitglieder, die Urteile mildern und Todeskandidaten das Leben retten. Er sei gefragt worden, wie sich diese Arbeit auf seinen Charakter ausgewirkt habe, schreibt Anatoli Pristawkin, und seine Antwort darauf lautete: schlecht. „Ich denke seither schlechter über die Menschen und die große russische Nation, zu der ich gehöre.“

Die meisten Verbrechen sind so genannte Alltagskriminalität, und die Ursache ist meist der Alkohol. „Zwei tranken. Im Laufe des Abends und der Nacht zerstritten sie sich und begannen eine Schlägerei. Der eine stieß dem anderen ein Messer in die Brust und tötete ihn.“ So lautet das Muster.

Abertausende Morde wurden so begangen, ein Dutzend davon werden geschildert, mehr als genug, um zu sehen, dass Menschenleben nichts wert sind, dass die alltägliche Realität weit entfernt ist von Maxim Gorkis euphemistischen „Ein Mensch, wie stolz das klingt“. Bei Raubmorden wird eine halbvolle Flasche Selbstgebrannter erbeutet oder ein Goldkettchen, zahlreiche Gewalttaten spielen sich innerhalb der eigenen vier Wände ab. Erbitterung aller gegen alle, Gleichgültigkeit gegenüber eigenem und fremden Leben, emotionale, moralische Leere.

Die Frage nach den Ursachen

Anatoli Pristawkin berichtet auch von den Machtstrukturen im postsowjetischen Russland, von seinem Zwischenspiel in den Zitadellen der Macht, wo Schriftsteller nichts zu suchen haben. „Dass ich riskierte, dorthin zu gehen, lag nur an der verrückten Idee, jenen Unglücklichen zu helfen.“ Die Unglücklichen, das ist die russische Bevölkerung, von der Statistiken zufolge 15 bis 20 Prozent durch das Gefängnis gegangen sind, ein Fünftel. Das russische Volk, das so gerne verklärt oder verdammt wird, je nach Standpunkt und Weltanschauung.

Der Autor beschönigt nichts und urteilt nicht. Er ist erschüttert, entsetzt. Er erspart sich und dem Leser nichts. Anatoli Pristawkins Bericht wird Russlandfreunden manche Illusion nehmen und Russlandfeinden Wasser auf die Mühle geben. Aber auch Menschen wie Anatoli Pristawkin sind Russen. Immer wieder quälen sich die Kommissionsmitglieder mit den Fragen nach dem Warum. Anatoli Pristawkin zieht die Geschichte Russlands zu Rate, Zarenherrschaft und Bolschewismus, er findet Parallelen in der russischen Literatur, er beschreibt das Funktionieren von Machtapparaten.

Es gibt keine einfache Antwort und keine einfache Lösung, aber es gibt dieses Buch, mit dem der Finger in manche Wunde gelegt wird. Es hat gesellschaftspolitisch mindestens die gleiche Bedeutung wie Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“. Anatoli Pristawkin ist mutig, schonungslos offen und vor allem ein Mensch, dem durchaus manches Menschliche fremd ist und der trotzdem an Menschlichkeit und die Menschheit glaubt. Sein Buch ist ein Muss.

Literaturangaben:
PRISTAWKIN, ANATOLI: Ich flehe um Hinrichtung. Die Begnadigungskommission des russischen Präsidenten. Aus dem Russischen von Renate und Thomas Reschke. Luchterhand Literaturverlag, München 2003. 382 S., €24,-

Zuerst veröffentlicht im März 2003 bei der Berliner Literaturkritik.

Mehr dazu im Netz:

- Link zur Rezension bei der Berliner Literaturkritik

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>