Anna Mitgutsch: Zwei Leben und ein Tag

am 11. Apr 2007 in Rezensionen

Als sich am 4. November 1851 Nathaniel Hawthorne und Herman Melville im Dorfgasthaus in Lenox auf ein Bier treffen, peitscht der Wind den Regen durch das unwirtliche Berkshire County/Massachusetts. Drinnen präsentiert Melville dem verehrten Schriftstellerkollegen seinen neuesten, noch druckfrischen Roman: „Moby Dick“. Die Lokalpresse schreibt darüber, aber nur weil es den Anstandsregeln zuwiderlief, dass sich zwei Eigenbrötler in einem Gasthaus trafen statt im eigenen Haus. Als Anna Mitgutsch am 23. März 2007 im Rahmen der Leipziger Buchmesse ihren achten Roman im Leipziger Ringcafé vorstellt, nimmt die Welt etwas mehr Anteil, obwohl Sturm und Regen draußen ebenso Unwirtlichkeit verbreiten.

Befremdlich. Befremdet. Anna Mitgutschs neuester Roman handelt vom Fremdsein in einer anderen und in der eigenen Kultur und von der Entfremdung zwischen sich nahe stehenden Menschen. Er lässt aber auch den Leser nach der Lektüre befremdet zurück. Die Geschichte der Beziehung zwischen der Österreicherin Edith und dem US-Amerikaner Leonard beginnt mit einer Nähe zwischen den beiden, die sie ihre Unterschiede vergessen lässt. In den Jahren des Miteinanders und dieser Nähe werden sie sich zunehmend fremder. Am Ende ihres Lebens lässt Edith als Ich-Erzählerin diese Liebes- und Leidensgeschichte Revue passieren – in Briefen an Leonard, die sie nie abschickt.

Fremd in der Welt

Anna Mitgutsch bleibt auch in ihrem neuen Roman den zentralen Themen ihrer bisherigen Prosawerke treu. Wie schon in „Abschied von Jerusalem“ und „Das andere Gesicht“ geht es um das Fremdsein im Alltag und um Einsamkeit als Ergebnis der Suche nach Nähe und Liebe. Wie schon in „Haus der Kindheit“ geht es um Österreicher, die es in die USA verschlagen hat und um die Konflikte bei der Rückkehr in die fremde „Heimat“. Und wie schon in „Ausgrenzung“ geht es um ein Kind, das anders ist als die anderen Kinder. Ein Kind, das von seiner Mutter geliebt wird und das in den Augen der Welt auffällig und verhaltensgestört ist.

Autobiografische Bezüge sind wohl kaum von der Hand zu weisen. Doch Anna Mitgutsch ist nicht die Frau, die man nach einer Lesung in der gepflegten Atmosphäre eines Stadtcafés danach fragen möchte, welches Schicksal sie in ihrem Leben trägt. Das, was sie uns davon mitteilen möchte, fließt in ihre Romane ein. „Menschen, die gelitten haben, werden den anderen unheimlich“, lässt die Autorin ihre Protagonistin Edith sagen. Damit bezieht sie sich auf das Schicksal Ediths und ihres Sohnes Gabriel, aber auch auf das Herman Melvilles. „In der Literatur lieben wir die Gescheiterten“, schreibt Edith an anderer Stelle, „auf dem Altar der Literatur werden sie an unserer Statt geopfert.“

Literatur und Leben

Anna Mitgutsch ist promovierte Literaturwissenschaftlerin. Sie unterrichtete an Universitäten in Österreich, England, Südkorea und den USA. 1985, nach der Veröffentlichung ihres ersten Romans „Die Züchtigung“, kehrte sie nach Österreich zurück und pendelt seither zwischen Linz und Boston. Anna Mitgutsch übersetzt Lyrik und ist die Verfasserin zahlreicher Essays zu literaturwissenschaftlichen Themen und einzelnen Autoren. Selbst Autorin von nunmehr acht Romanen, lässt sie literarische Recherchen und eigene Erfahrungen über das Leben in unterschiedlichen Kulturkreisen in ihre Werke einfließen. Sie nutzt diese verschiedenen Ebenen souverän, um den Roman zu verdichten, Aussagen und Stimmungen zu untermauern, Parallelen aufzuzeigen oder den Leser erahnen zu lassen.

„Unser Fluss war der Hudson River“, so beginnt Edith ihre Erinnerungen zu erzählen. In der Nähe von Saratoga lernen sich Edith und Leonard kennen und kehren immer wieder zu diesem Fluss zurück, auch wenn am Ende die Donau die Funktion des Hudson erfüllen muss. Beide sind Literaturwissenschaftler, Leonard hat gerade seine Dissertation über Außenseiter bei Herman Melville abgeschlossen, als er Edith kennen lernt. Sie lässt sich bald von seiner Begeisterung, beinahe Besessenheit für den großen Schriftsteller anstecken. Gemeinsam planen sie eine – die eine – Melville-Biografie zu schreiben. Am Ende scheitert auch dieses Projekt, andere Forscher haben die Lebensgeschichte verfasst, während Edith und Leonard am Ende nichts Gemeinsames vorzuweisen haben.

Verantwortung für das Sein

Sie haben einen gemeinsamen Sohn, der sie jedoch weniger verbindet als zu der mit den Jahren wachsenden Kluft zwischen ihnen beiträgt. Gabriel ist ein Außenseiter. Ein autistischer junger Mann, der den Anforderungen des Alltagslebens nicht gewachsen ist, dem die Fähigkeit zu Empathie und sozialer Interaktion fehlt. Eines der beständig wiederkehrenden Themen in Ediths Rückbesinnung und im Gespräch zwischen ihr und Leonard ist die Frage nach den Ursachen für Gabriels Außenseitertum, nach der Schuld für seine Defizite.

Eine schulmedizinische Erklärung für Gabriels Entwicklung wird beiläufig erwähnt: eine nicht rechtzeitig behandelte Entzündung in der Kindheit, während ihrer Jahre in Korea. Doch Edith geht es nicht um die naturwissenschaftliche Erforschung von Ursache und Wirkung. Vielmehr interessieren sie die großen Fragen von Vertrauen und Beistand, von Verantwortung und Schicksal. Wie viel von dem, was uns zusteht, können wir beeinflussen? Welche Entscheidungen stehen in unserer Macht? Für welche Entwicklungen tragen wir die Verantwortung durch unser Handeln und Fühlen? Welche Auswirkungen haben unsere Gefühle, die gesagten und die ungesagten Worte auf den Verlauf unseres eigenen Lebens und das unserer Mitmenschen?

Natürlich liefert Anna Mitgutsch keine Antworten darauf. Aber der gesamte Roman rankt sich um diese Fragen, mäandert, verliert sich in Nebensträngen, um immer wieder auf dieses zentrale Thema zurückzukommen. Anna Mitgutsch sucht sich auf drei Ebenen diesen Fragen zu nähern. Außer Ediths Briefen gibt es die Perspektive Gabriels, sein Erleben und seine Erinnerungen an einem Tag ein Jahr nach dem Tod seiner Mutter. Und es gibt das Leben Herman Melvilles, das Edith als Beinahe-Biografin in allen seinen Details kennt. Ihre Rückbesinnung untermauert sie durch Parallelen zu dem Leben des Schriftstellers.

Gebrochene Spiegelungen

Die Melville-Passagen, basierend auf Mitgutschs eigener Forschung und den wichtigsten neueren Biografien von Hershel Parker und Alexander Pechmann, sind fesselnd. Sie beleuchten Facetten dieses Zeit seines Lebens nicht anerkannten Literaten und zeichnen das Bild eines Mannes, der mehr schrieb als Südseebücher, der mehr wollte, als ein geduldeter Außenseiter zu sein und der in seinen letzten Lebensjahrzehnten seine Kreativität einem Bürojob opferte, um seine Familie zu ernähren. Ein Umstand, den viele kreative Köpfe der Gegenwart aus eigener Erfahrung kennen.

Der Tag aus dem Leben des Außenseiters Gabriels hingegen bringt uns dessen Blickwinkel nahe. Gabriel lässt sich nicht integrieren, schon gar nicht in einer österreichischen Kleinstadt. Dieser Mikrokosmos grenzt alles aus, was nicht in ihn hineinpasst. Die Gesellschaft wertet, sie stigmatisiert und pathologisiert alles Fremde. Auch hier arbeitet Anna Mitgutsch wieder meisterhaft mit Parallelen zu Leben und Werk Melvilles, zu dessen Antihelden Bartleby – der Unschuld, die nichts begreift – und Billy Budd, dem „sprachlosen Engel“. Melville lässt Billy seine Sprachlosigkeit zum Verhängnis werden, er präsentiert keine brauchbare Strategie, ihn vor der Welt zu retten, denn: „In Wirklichkeit geschehen keine Wunder.“

Im Unterschied zum Melville-Strang und zu Gabriels Geschichte verliert sich die erzählte Erinnerung Ediths sehr oft in Redundanzen. Ediths Melville-Briefe sind ihre Liebeserklärung an Leonard, ihr Beitrag zum gemeinsamen Lebenswerk. Gleichzeitig spürt sie der Entwicklung ihrer Liebe und der Geschichte ihres Scheiterns nach. Immer wieder kommt Edith auf die gleichen Fragen zurück, auf die es keine Antworten gibt. Für den Leser sind hier gelegentlich Durststrecken zu überwinden. Dafür aber gelingt Anna Mitgutsch ein gutes Ende, was nicht mit Happy End gleichzusetzen ist, aber mehr sei hier nicht verraten. Befremdlich und befremdend ist das Ende des Romans – folgerichtig und doch unerwartet.

Anna Mitgutsch hat sich in „Zwei Leben und ein Tag“ wieder einmal an die großen Fragen des Lebens und des Schicksals gewagt. Sie macht es sich und dem Leser in ihrem Roman über die Liebe zweier Menschen zueinander und zu ihrem Sohn nicht leicht. Zugleich bringt sie uns den zu seinen Lebzeiten verkannten Herman Melville nahe, indem Episoden aus seinem Schicksal als gebrochene Spiegelungen für die Schicksale von Edith, Leonard und Gabriel dienen. Anna Mitgutsch hat wieder einen Roman vorgelegt, der entsetzlich nah am Leben seiner Figuren ist. Diesem Sog kann man sich als Leser nicht entziehen.

Literaturangaben:
MITGUTSCH, ANNA: Zwei Leben und ein Tag. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2007. 352 S., 19,95 €.

Zuerst veröffentlicht im April 2007 bei der Berliner Literaturkritik.

Mehr dazu im Netz:

- Link zur Rezension bei der Berliner Literaturkritik

- Link zur Druckausgabe BLK Mai/Juni 2007 (PDF)

 

 

 

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