Maria Rybakova: Die Reise der Anna Grom

am 30. Jan 2003 in Rezensionen

„Eine Liebesgeschichte“ ist Maria Rybakovas Debütroman untertitelt. In „Die Reise der Anna Grom“ schreibt die 1973 geborene Moskauerin von den Erfahrungen einer jungen Russin in Berlin.

Anna Grom scheint manchmal ein Alter Ego der Autorin zu sein: das Was-wäre-wenn-Spiel, ein Erzählen der Geschichten, die so hätten geschehen können, wenn sich die Autorin im Leben nicht anders entschieden hätte: „Immerhin hätte alles auch ganz anders kommen können.“ Maria Rybakova (die im Buch in einer Nebenrolle als szenige Mascha R. in Prenzlauer Berg auftritt) lebt und promoviert zur Zeit in den USA – Anna Grom plant, zum Weiterstudieren in die USA zu gehen, doch statt dessen erhängt sie sich. „Du lebst – ich bin tot“, beginnt der erste von drei Dutzend Briefen der toten Anna an den lebenden Ulrich Wilamowitz. In ihnen erzählt sie von ihren Hoffnungen, Träumen, Sehnsüchten, von ihren Eindrücken und Fragen, die Wilamowitz nicht hören und wissen wollte. Sie schreibt an gegen das Vergessen, gegen die Anonymität, das Nicht-Gebraucht-werden und das Nicht-Geliebt-werden, unter dem sie zu Lebzeiten in Moskau und noch mehr im Berliner Exil litt.

Wilamowitz, der sich Annas Liebe entzog, sie gar nicht wahrnahm, wird jetzt schreibend ihr eigen: „Jetzt kann ich mich aus meinem Nicht-Sein heraus an Deiner Wirklichkeit erfreuen.“ Erst in der Distanz zu ihrem eigenen Leben kann Anna ihre Gefühle artikulieren, Schmerz benennen und damit überwinden. „Ich begriff, dass die Vergangenheit der Tod ist und das Leben nur in der Erinnerungslosigkeit liegt“, so eine Traumerkenntnis der lebenden Anna. Am vierzigsten Tag darf die tote Anna in die Erinnerungslosigkeit gehen, am Ende der Frist, die auch in der modernen russischen Gesellschaft den Toten und ihren Angehörigen zugestanden wird, um ihre Angelegenheiten auf Erden zu regeln und voneinander Abschied zu nehmen.

Maria Rybakovas Roman erzählt viel von der Einsamkeit unter Menschen. Er ist befremdlich und dennoch fesselnd und hinterlässt einen Nachgeschmack, den man gerne wegspülen möchte und nicht kann.

Literaturangaben:

RYBAKOVA, MARIA: Die Reise der Anna Grom: eine Liebesgeschichte. Berlin : Rowohlt, 2001. 251 S. Aus dem Russischen übersetzt von Dorothea Trottenberg.

Zuerst veröffentlicht 2002 beim Österreichischen Bibliothekswerk.

Mehr dazu im Netz:

- Link zur Rezension bei biblio.at

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