Michael Sobe: Winter ganz unten

am 15. Feb 2008 in Rezensionen

Raskolnikow einmal anders

Günter Wallraff war seinerzeit bewusst „ganz unten“, neuerdings im Übrigen auch wieder, aber auch Eduard Winter, der Titelheld in Michael Sobes Roman, ist ganz unten. Doch schon nach den ersten Kapiteln sind alle Assoziationen mit Wallraffs aufmüpfiger und kämpferischer Sozialkritik, die der Titel auslöste, verflogen. Michael Sobes Romanheld Winter ist ein weltfremder junger Architekt, der sein Studium mit Bestnote abgeschlossen hat und von Hartz IV lebt. Er haust in einer Berliner Hinterhaus-Einraumwohnung, geht einmal die Woche zu seinem Fallmanager aufs Arbeitsamt, um seinen Anspruch auf Sozialhilfe zu legitimieren, und läuft ansonsten, hochphilosophische wirre Selbstgespräche führend, durch die zugigen Straßen der Großstadt.

Gegen sich aufdrängende Assoziationen lässt sich nichts machen, und so tritt Wallraff ob Eduard Winters Gleichgültigkeit gegenüber der Außenwelt zurück, um Dostojewski Platz zu machen. Der begabte Student Raskolnikow, der seine Studien wegen Geldmangel aufgab, hauste in einem dunklen Petersburger Zimmerchen, ging gelegentlich zur Pfandleiherin, um Geld fürs Überleben zu holen, und läuft ansonsten, hochphilosophische wirre Selbstgespräche führend, durch die zugigen Straßen der Großstadt. „Schuld und Sühne“ beziehungsweise „Verbrechen und Strafe“, wie der Titel des Romans im Original lautet, ist ein retardierendes Moment von 800 Seiten für die Rezensentin, weil es doch nun zuerst zu überprüfen gilt, inwieweit es nun tatsächlich Parallelen zwischen Winter und Raskolnikow gibt.

Es gibt sie! Und dies soll mitnichten ein Vorwurf an Michael Sobe sein, er habe eine alte Geschichte aufgewärmt. Im Gegenteil, ihm gebührt Lob, dass er diese Geschichte neu erzählt hat. Ein Vergleich mit Altmeister Dostojewski gereicht wohl jedem zur Ehre. Vielleicht ist es auch Zufall, dass eine Geschichte wie die vom armen Studenten Raskolnikow heute noch so aktuell ist, dass sie sich in der Geschichte vom armen Absolventen Winter wiederholt. Müßig, an dieser Stelle darüber zu spekulieren – obwohl eben über dieses Thema sowohl Raskolnikow als auch Winter nicht wenig philosophieren.

Zum Plot: Edgar Winter ist nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit so von der Sinnlosigkeit seines Daseins ausgelaugt, dass er Schluss machen möchte. Während er noch über eine öffentlichkeitswirksame Variante des Selbstmords nachdenkt, wird er von außen von seiner Selbstbeschau abgelenkt. Eine ehemalige Kommilitonin bittet ihn um Hilfe, weil sie, schwanger, mittellos und vom Freund sitzengelassen, nicht weiß, wohin. Und eine zufällige Kneipenbekanntschaft drängt ihm ein Gespräch auf, in dessen Ergebnis Edgar einen Job auf dem Bau bekommt, Schwarzarbeit.

Die weiteren Verstrickungen um Geld, Macht, Mord, Liebe und Erpressung sollen hier nicht im Detail geschildert werden, lesen darf der Leser schon selbst. Der Journalist Michael Sobe hat in seinem Debütroman die Realität des akademischen Prekariats eingefangen und daraus eine Schicksalsgeschichte gebastelt, in der es kalt und zugig zugeht, ganz unten und ganz oben.

Literaturangaben:

SOBE, MICHAEL: Winter ganz unten. Das Neue Berlin, Berlin 2007. 319 S.

 

 

 

 

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