Michail Jelisarow: Die Nägel

am 20. Aug 2003 in Rezensionen

Michail Jelisarow stammt aus der Ukraine, lebt in Berlin und schreibt auf Russisch. Seine Erzählungen sind in. Jetzt liegt seine 2001 erschienene Erzählung vor, „Die Nägel“, als Kurzroman, eine behäbig erzählte Groteske aus dem modernen Russland. Die deutsche Übersetzung besorgte Hannelore Umbreit. Die Antihelden sind das unzertrennliche Freundespaar Gloster und Bachatow, zwei schwachköpfige Findelkinder.

Bei Michail Jelisarow kommt kaum einer an dem Vergleich mit Gogol vorbei, mit den späten Erzählungen natürlich, so drängen sich die Ähnlichkeiten der Gestaltung auf. Skurril, grotesk, ironisch überzeichnet, sind die spontanen Assoziationen zum Kurzroman. Skurril ist die Handlung, grotesk sind die beiden Antihelden, ironisch überzeichnet sind Milieu und die Vertreter der weltlichen Mächte.

Dämonische Mächte, an Fjodor Sologub erinnernd, spielen auch eine Rolle. Bei den titelgebenden Nägeln handelt es sich mitnichten um Handwerkszubehör, sondern um die abgeknabberten Fingernägel Bachatows, die allmonatlich den Mittelpunkt eines Rituals und Orakels bilden, von dessen Reinheit die Sicherheit und das Wohlergehen der beiden Freunde abhängen. Und da es für das Ritual wichtig ist, dass Bachatow die Nägel jeweils einen ganzen Monat lang nicht abknabbert, suchen die Freunde auf Müllkippen nach Ersatz, Kunststoffdeckelchen und alles, was weich und aus Plastik ist.

Neuer Oskar

Groteskes und Dämonisches gab es schon des Öfteren in der russischen Literatur. Doch trotz der Ähnlichkeiten und Anleihen ist Michail Jelisarows Roman kein Abklatsch der Klassiker, sondern vielleicht der Beginn einer neuen Strömung der modernen russischen Literatur, den die Fachleute in einigen Jahren als Neo-ismus klassifizieren und benennen werden. Die Neoromantiker gab es ja schon, Anti-Bildungsroman oder Stadtprosa wären etwas zu allgemein.

Neu ist jedenfalls etliches in Jelisarows Roman. Neu und gelungen ist das Ergebnis der Mischung aus erprobten Stilelementen und kritischer Beschreibung der modernen Gesellschaft. Michail Jelisarow bedient sich eines allwissenden Ich-Erzählers, den er seine Geschichte wie in einem Entwicklungsroman schildern lässt, angefangen von den ersten Erinnerungen aus der Kindheit. Noch ein unumgänglicher Vergleich: Gloster erinnert an Oskar Matzerath.

Topfnachbarn

Gloster ist der Erzähler, den Namen erhielt das Findelkind wegen seines Buckels von einem literarisch gebildeten Arzt in Anspielung auf Shakespeares Richard III. Gloster und Bachatow sind im Säuglingsheim Topfnachbarn, ihre Kindheit verbringen sie gemeinsam im Kinderheim „Girlande“ für geistig und körperlich Behinderte, mit achtzehn werden sie in die Stadt und ins wirkliche Leben entlassen.

Gloster und Bachatow sind unzertrennlich, nachdem sie einander erkannt haben. Eine dämonische Kraft verbindet sie, mit der allein Bachatow umzugehen weiß. Ohne Bachatows schwarze Messen wären Glosters Erfolge im Leben nicht möglich. Nach eigenen Aussagen glaubt Gloster nicht an Übersinnliches, dennoch spürt er die Auswirkungen der Rituale und vertraut Bachatow. Beide wissen, dass sie zwei Teile einer Gesamtpersönlichkeit sind.

Wir sind normal

Gloster ist der pragmatische Teil des Paares. Allwissend sowieso: „Ich sage noch einmal: Wir waren normal“. Er widmet sein Leben dem Abschrauben des Unabschraubbaren – der gusseisernen Kugeln am Kopfende der Heimbetten. Beim ersten gravierenden Einschnitt in seiner Jugend gelingt ihm das unmöglich Erscheinende und er kennt fortan seine Kräfte. Sein zweites Talent ist die Musik, das „Monster in seinem Buckel“ lässt ihn zu einem begnadeten Klaviervirtuosen werden.

Von der Warte der postulierten Normalität Glosters aus erscheint die ihn umgebende Welt gar nicht so normal. Glosters Beobachtungen, Gedanken, Erklärungen erscheinen schlüssig, nahe liegend und oft das einzig Logische. Auch dieser Kunstgriff ist Michail Jelisarow gelungen, aus der Sicht des realen Wahnsinns die wahnsinnige Realität zu schildern und damit mehr als bloßzustellen.

Turgenjew-Bärtchen

In der wahnsinnigen Realität lässt Jelisarow via Gloster ein ganzes Panoptikum real existierender Gestalten auffahren, stark vereinfacht skizziert und ironisch überzeichnet. Es gibt den saufenden und bestechlichen Heimleiter, die anzüglichen Krankenschwestern und die Pfleger, die ihre weiblichen Zöglinge vergewaltigen. In der Stadt gibt es den jovialen Onkel Ljoscha, der Gloster für Ladendiebstähle missbraucht, den liebenswerten und an das Gute glaubenden Musikschuldirektor, den betrügerischen und erfinderischen Installateur und den sich selbst inszenierenden steinreichen Freund des Volkes mit Turgenjew-Bärtchen und frisch zugelegtem altrussischen Namen.

Doppelbödig erscheint dieses Leben, betrachtet mit den Augen der beiden Freunde. Absurd und abstoßend wirken die „Normalen“, schlüssig und sympathisch die „Verrückten“. Michail Jelisarow erzählt unprätentiös, mit trockenem Humor und zitateträchtig. Dass der Schluss der Geschichte nicht ganz rund geraten ist, verzeiht man ihm gern.

Literaturangaben:
JELISAROW, MICHAIL: Die Nägel. Übersetzt aus dem Russischen von Hannelore Umbreit. Reclam Verlag, Leipzig 2003. 128 S., 14,90 €.

Zuerst veröffentlicht im August 2003 bei der Berliner Literaturkritik.

Mehr dazu im Netz:

- Link zur Rezension bei Berliner Literaturkritik

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