Arthur Phillips: Prag

am 12. Sep 2004 in Rezensionen

Budapest, im Frühjahr 1990. Fünf junge Amerikaner sitzen in einem Straßencafe: ein Immobilienhändler, ein Englischlehrer, ein Historiker, ein Journalist und eine Botschaftsassistentin. Sie spielen das Wahrheitsspiel. Charles Gabor gewinnt mit sieben von acht möglichen Punkten. Scott Price erreicht sechs Punkte, Mark Payton vier, John Price drei. Emily Oliver erhält null Punkte.

Beim Wahrheitsspiel muss jeder Spieler vier Aussagen machen, von denen eine wahr und drei gelogen sein müssen. Provokationen und Irreführungen sind erlaubt. Die anderen Spieler müssen bewerten, welche Aussage wahr ist und welche nicht. Für jede von den anderen abgekaufte Lüge gibt es einen Punkt, für jede richtig erkannte wahre Aussage gibt es ebenfalls einen Punkt. Autor Arthur Phillips gelingt es über das Wahrheitsspiel, den Leser sofort in das Miteinander der fünf Protagonisten einzubinden.

Der Leser erfährt durch das Spiel etliches über Charakter und Eigenheiten der fünf Menschen, die im normalen Leben zu Hause auf eine Bekanntschaft keinerlei Wert gelegt hätten. Im Budapest der Nachwendezeit sind sie jedoch eng miteinander verbunden durch ihre trotz allem ähnliche Sozialisation: Junge Collegeabsolventen aus den USA und Kanada auf der Suche – nach dem Neuen, nach dem Alten, nach Karriere, und auf der Flucht – vor der Familie, vor vorgegebenen Zwängen, in der Hoffnung auf einen neuen Weg.

Diaspora der Westler

Alle fünf eint ihre Fremdheit in dem für sie exotischen postsozialistischen Ungarn. Dennoch fühlen sie sich als Ansässige und Insider, brillieren gelegentlich mit ihren drei Wörtern Ungarisch und der Kenntnis einer Szenekneipe. Ihre Freizeit verbringen sie allein oder miteinander, ihre Arbeitskollegen sind zumeist auch Amerikaner. Das post-realsozialistischen Ungarn, die ungarische Sprache, Geschichte und Kultur sind für sie fremd und unverständlich.

Sie versuchen nicht, sich zu assimilieren, sich mit den mitteleuropäischen Ureinwohnern vertraut zu machen. Ungarn und seine Bewohner sind nur Kulisse für den Schauplatz ihres Erwachsenwerdens, ihrer krampfhaften Abnabelungsversuche. Die Zeichnung der Charaktere, die Schilderung der Szenen gelingen Arthur Phillips hervorragend. Er schreibt über eine Spezies, die es in den Neunzigern zuhauf in Budapest und Prag und Warschau gab. Er weiß, wovon er schreibt, denn der aus Minneapolis stammende Autor lebte von 1990 bis 1992 in Budapest. (Eine spannende Spekulation: Inwieweit ist John Price das Alter Ego des Autors?)

Auch die Rezensentin weiß, was sie da liest. Zwar selbst einst im Osten sozialisiert, hat sie doch eine Zeitlang in den USA studiert und später drei Jahre als Redakteurin für einen der im Roman vorkommenden amerikanischen Medienkonzerne in Prag gearbeitet., wo sie ausreichend Gelegenheit hatte, eine Generation von Scotts und Marks und Emilys in Aktion zu erleben. Umso größer die eigene Kenntnis des Settings, umso dezidierter die eigene Meinung dazu, umso kritischer natürlich der Blick auf den Roman. Ergebnis: Arthur Phillips besteht den Härtetest.

Panorama der Charaktere

Er besteht den Härtetest, weil es ihm gelingt, seine Geschichten in eine authentische Kulisse einzubetten. Er erzählt von den Krisen seiner Protagonisten, ihrem Stolpern durchs Leben, ihren Gehversuchen im fremden Biotop mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie dem Lebensgefühl dieser jungen Amerikaner entspricht. Lakonisch, witzig, beiläufig schildert er die Ungeheuerlichkeiten, die ihnen passieren, die Schicksale – eigene und fremde – die sie wesentlich mitbestimmen, ohne sich der Tragweite ihrer Handlungen bewusst zu sein.

Keine der zahlreichen Episoden wirkt aufgesetzt, obwohl Arthur Phillips so gut wie kein mögliches Klischee für den gewählten Handlungsrahmen auslässt. Er integriert alles, was typisch ist für diese Zeit und diesen Ort und diese Kreise, in den Roman: Den jungen Journalisten, der durch seine Artikel Politikerschicksale mitbestimmt, aber erst den Abstand mehrerer Tausend Kilometer von seiner Familie braucht, um mit Mitte zwanzig zum ersten Mal mit einer Frau zu schlafen. Die alternde Pianistin, runzlig und immer noch Femme fatale, im Nachtklub, die Geschichten von Krieg und Deportation erzählt. Die junge polnische Künstlerin, der ihre Freiheit über alles geht und die ihre Kreativität niemals Gefühlen opfern würde.

Es gibt den Sohn ungarischer Auswanderer, der in der Heimat seiner Eltern mit den Investitionsvorteilen Sprachkenntnisse und ungarischer Familienname das große Geld und die große Karriere machen will. Es gibt den nostalgischen Historiker auf der Suche nach den Spuren der Vergangenheit und dem „richtigen“ Platz. Und es gibt die naive Botschaftsassistentin aus Nebraska (so typisch amerikanisch, dass „sie riecht wie gegrillter Maiskolben“), die ihre Pflichten brav erfüllt, aber den in sie verliebten John wegen eines Kussversuchs der sexuellen Belästigung bezichtigt – was ihn seinen Job kostet.

Zeitgeschichte ohne Zeigefinger

Neben den persönlichen Schicksalen gibt es noch die prototypischen Geschichten jener Zeit, in der der Spätkapitalismus mit Brachialgewalt auf die bis dahin hinter dem Eisernen Vorhang geschützten, sozialistisch experimentierenden Staaten hereinbrach. Geschichten von Kapital versus Moral, und selbst die gelingen Arthur Phillips facettenreich und trotz kommentierenden Schreibstils ohne aufdringliche Wertungen zu erzählen. Exemplarisch schildert er diesen Prozess der Übernahme der verwirrten Ost-Gesellschaften durch das westliche Kapital an Hand eines alten ungarischen Nationalverlages, dessen alternder Eigentümer, vor Jahrzehnten nach Wien emigriert, den Verlag zurückkaufen und wieder aufbauen will.

Selbst bei dieser Geschichte, bei der es von Fallstricken wie dem Klischee vom bösen Immobilienhai nur so wimmelt, schafft Arthur Phillips eine nahtlose Integration in den Roman. Natürlich ist der Immobilienhai böse, aber eben nicht nur. Auch der integre Verlagsbesitzer ist verlogen, auch wenn er am Ende natürlich trotzdem der Verlierer ist. Ganz sicher liegt eine der Stärken des Romans in dieser beschreibenden, nicht wertenden Schilderung dieser Umbruchsepoche und ihrer Gestalter. Darüber hinaus sind diese Beschreibungen, von gelegentlicher Weitschweifigkeit abgesehen, oft witzig, pointiert und originell.

Keiner der fünf Protagonisten lebt in Prag, keine Szene führt uns dorthin. Doch der Titel des Romans lautet „Prag“. Die Goldene Stadt ist das Endziel aller Sehnsüchte, dort wird das wirkliche Leben pulsieren, denn in Budapest finden Charles, Mark, Scott, John und Emily nicht das, was sie wirklich suchen. In Prag aber, der fernen, coolen Stadt, könnte man wirklich frei sein – von der eigenen Vergangenheit, vom eigenen Ich. Der Roman ist ein Lehrstück für alle, die meinen, man könne dem Ich entfliehen. Einhundert Seiten weniger hätten dem Roman nicht geschadet. Sonst aber: ein gelungenes Zeit- und Sittenbild.

Mit einer Einschränkung: Ganz sicher hat die Pianistin Nadia nicht Zigaretten der Marke Mockba geraucht. Ob Fehler der Autors oder der im Übrigen hervorragenden Übersetzerin Sigrid Ruschmeier, sei dahingestellt. Die Zigaretten heißen – transliteriert – Moskwa (Москва in kyrillischer Schrift), zu deutsch Moskau. Der exotische Osten lässt grüßen.

Literaturangaben:

PHILLIPS, ARTHUR: Prag. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sigrid Ruschmeier. Schöffling & Co., Frankfurt a.M. 2003. 530 S., 26 €.

Zuerst veröffentlicht im September 2004 bei der Berliner Literaturkritik.

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