Franz Hohler: Die Karawane am Boden des Milchkrugs

Gott und die Erbsenkiste

Gott grübelt bis heute darüber nach, wer zum Teufel ihm die Gemüsekiste mit Erbsen geschickt haben könnte, aus denen sich die Erde mit den Menschen entwickelte. Franz Hohler erzählt nicht nur die Schöpfungsgeschichte neu.

Die Schweiz ist ein kleines Land. Dort gibt es keine Kriege, und die Menschen und die Milkakühe leben gesund, reich und glücklich im Alpenidyll. Manchen Menschen ist das aber zu langweilig, die machen sich dann ein paar Gedanken, wie sich der Zustand „weniger idyllisch“ so anfühlen würde, und schreiben das auf. Dabei kommen oft bizarre Geschichten heraus.

Franz Hohler ist Schweizer. Der Nicht-nur-Kabarettist gilt als Meister der kleinen Form. Viele seiner Kurzgeschichten sind Grotesken. 2002 erhielt Franz Hohler den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor. In der Sammlung Luchterhand erschien 2003 ein Sammelband mit einer vom Autor selbst zusammengestellten Auswahl von Kurzgeschichten.

Dabei sind alte Bekannte wie „Der Verkäufer und der Elch“, Der Weltuntergang“ oder „Der Liederhörer“, auch vier bisher unveröffentlichte Geschichten sind in der Auswahl enthalten. Zwei der Neulinge gehören zu den ganz kurzen Kurzgeschichten, gerade eine halbe Seite füllend, eher niedergeschriebener Witz denn erzählte Geschichte.

Ein Briefkasten wünscht sich, ein Rennrad zu sein. Ein Restaurantbesucher wünscht sich statt einer Nachspeise eine Villa, einen Bentley und eine Frau, mit der man Pferde stehlen kann. Bei Franz Hohler werden solche Wünsche wörtlich genommen. Sie werden erfüllt, und gemahnen damit an die alte Weisheit, dass man vorsichtig sein sollte mit seinen Wünschen, denn sie könnten wahr werden. Und schon wird es grotesk.

Geschichten, die das Leben schreiben könnte. Aufgeschrieben von Franz Hohler. Manchmal etwas zu effekthascherisch, manchmal zu sehr um die Ecke gedacht und damit zu lang für eine gute Pointe. Meist aber genau richtig. Ob Franz Hohler von der Fettcreme, die abnehmen wollte, schreibt, oder von einem Schwertransport von einem Dorf ins nächste, der nie ankommt, nie fehlt der Bezug zur in Wirklichkeit gar nicht so idyllischen Gesellschaft in der Schweiz und anderswo.

Franz Hohler ist ein politischer Autor, ohne dass er es nötig hätte, dies vordergründig herauszustellen. Er macht sich Gedanken und ist mit Vielem nicht einverstanden. Er ist gesellschaftskritisch und blasphemisch, dass es nur so kracht. Und schreibt dabei so gemütlich-unschuldig schweizerisch daher. Beim Lesen seiner Geschichten geht es dem Leser so, wie es Herrn Hohler beim Reinigen seines Milchkrugs erging.

Dabei fiel ihm nämlich auf, dass sich am Boden des Milchkrugs eine Sandwüste befand, in der eine Kamelkarawane unterwegs war. Plötzlich kamen Elefanten angestürmt, trampelten die Kamele nieder und fraßen sie auf. Und die Kameltreiber fanden sich alleine in der Wüste wieder, mit den in den Sand geworfenen Elfenbeinschnitzereien, die in den Lastsäcken der Kamele gewesen waren.

„Ich wusste, dass es unmöglich war, dass sich so etwas auf dem Boden eines Milchkrugs ereignet. Trotzdem habe ich es gesehen.“ Die titelgebende Geschichte der Sammlung ist eine gelungene Metapher für das Rezept und die Wirkung der Hohlerschen Geschichten. Wie das genau funktioniert, kann man auch erklären. Muss man aber nicht. Besser ist’s, statt dessen noch etwas Hohler zu lesen.

Und wie war das nun mit dem Alpenidyll? Franz Hohler muss es ja wissen, als Schweizer: „die Ochsen muhen in den Klüften / das Euter prall und aufgedunsen / Lawinen krachen durch die Runsen … Die Wang‘ erglüht. Der Senne jodelt“. Bei so viel Harmonie ist das Fazit klar: „Dort oben ist das wahre Leben! Und unsres hier ist tief daneben.“

Literaturangaben:

HOHLER, FRANZ: Die Karawane am Boden des Milchkrugs. Groteske Geschichten. Sammlung Lucherhand. Luchterhand Literaturverlag, München 2003. 141 S.

Zuerst veröffentlicht im März 2004 bei der Berliner Literaturkritik.

 

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