Pawel Sanajew: Begrabt mich hinter der Fußleiste

am 10. Apr 2007 in Rezensionen

In seinem Debütroman schreibt Pawel Sanajew leicht über eine schwere Kindheit bei einer Großmutter mit ausgewachsenen Paranoia und salatgrüner Unterhose

„Nun stellte sich heraus, dass der Geburtstag nichts mit einem Festtag zu tun hatte“, ist die Erkenntnis des bei seiner Großmutter lebenden siebenjährigen Sascha. Das Leben des Kindes hat überhaupt nichts mit Freude zu tun, sondern ähnelt einem beständigem Kampf um seine Daseinsberechtigung. Die Großmutter gibt dem Jungen ständig eindrücklich zu verstehen, dass er ein Kreuz auf ihren Schultern ist, da seine Mutter ihn gegen einen Giftzwerg und Erbschleicher eingetauscht habe.

Sascha kennt, wie jedes Kind, nur die Welt, in der er lebt. Ihm erscheint sie normal, er sucht sich nach seinen Möglichkeiten in und mit ihr zu arrangieren. Im Grunde besteht seine Welt nur aus der allgegenwärtigen Großmutter und ihrem Regime. Am Rande dieses Universums gibt es noch den „stinkenden alten Esel“ (der Großvater), das „Flittchen“ (die Mutter), den „Erbschleicher“ (der Lebensgefährte der Mutter), den Spielkameraden Borja und die Ärztin Galina Sergejewna.

Kackende Staphylokokken

Aus Saschas Perspektive wird der Leser in dieses Panoptikum eingeführt. Diese Perspektive bedarf jedoch der kritischen Überprüfung, denn Sascha selbst ist ja ein Vollidiot. Er hat einen Staphylococcus aureus, der sein Gehirn auffrisst und es ständig vollkackt. So verkündet es die allmächtige Großmutter, die es ja wissen muss. Natürlich hat auch nur die Großmutter das Allheilmittel dagegen parat: homöopathische Kügelchen, hefefreie Frikadellen und vor allem ihre ständige allgegenwärtige Fürsorge.

Mit Großmutters Fürsorge hat es nun freilich etwas Besonderes auf sich. Sie ist tyrannisch, sie ist voller Flüche und Verächtlichkeit, sie duldet keinen Widerspruch. Wenn die resolute alte Frau mit der salatgrünen langen Unterhose das Netz ihrer Fürsorge auswirft, dann gibt es keine Chance zu entrinnen. Sascha wird weit mehr als überbehütet. Überall lauern die Bakterien und Keime auf ihn, jeder Schweißtropfen würde sofort eine Nebenhöhlenentzündung hervorrufen. Jede einzelne versäumte Schulaufgabe muss unter strengster Aufsicht der Großmutter nachgeholt werden. Vor allem aber bewahrt ihn die Großmutter vor dem Zugriff des Flittchens und des Erbschleichers.

Geliebtes Flittchen

Dabei liebt Sascha seine Mutter und genießt jede der wenigen Stunden mit ihr. Die Großmutter schafft es jedes Mal wieder, ihre Tochter, Saschas Mutter, zu drangsalieren, deren Geschenke an den Jungen wegzuwerfen und den beiden die kurze zugestandene Zeit zu verderben. Sascha weiß, dass die Mutter wieder gehen wird und dass er bei der Großmutter bleiben muss. Deshalb nennt er sie doch lieber „Omilein“ und verleugnet vor ihr sein geliebtes „Flittchen“.

Die Großmutter ist ein überspitzt gezeichneter Prototyp der Generation russischer Frauen, die viel durchgemacht haben: Krieg, Evakuation, Abtreibungen oder Tod ihrer Kinder, die Unzuverlässigkeit trinkender Ehemänner. Nach dem Krieg nahmen diese Frauen die Organisation des Alltags im real existierenden Sozialismus auf sich mit Erziehung von Kindern und Enkeln, Lebensmittelschlangen und Bestechungspralinen für jede Dienstleistung und jede ärztliche Hilfe.

Eine Stärke des Romans ist die feinfühlig gestaltete Veränderung der Sicht Lesers auf die Charaktere. Während des unmerklich vor sich gehenden Perspektivwechsels wird aus der zunächst fürsorglich erscheinenden Großmutter ein psychotischer Drachen, aus dem liebenswert defensiven Großvater ein gar nicht so unschuldiger rückgratloser Opportunist, aus der berechnenden Schlampe von Mutter eine schüchterne, labile junge Frau, und aus dem Erbschleicher ein verständnisvoller, liebender Partner und Stiefvater.

Eine Moskauer Kindheit der Breshnew-Ära

Pawel Sanajew ist mit seinem Debüt ein wunderbarer Roman über eine Kindheit gelungen. Dass diese Kindheitsgeschichte im Moskau Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre spielt und somit zeitlich auch der Kindheit des 1969 geborenen Autors entspricht, deduziert man eher, als dass es wesentlich für die Erzählung wäre. Und doch tragen die treffend beschriebenen zeitgeschichtlichen Details wesentlich zum Lesevergnügen bei. Der Autor selbst hat auf die Frage nach den autobiografischen Bezügen allegorisch geantwortet: „Man trennt ein paar Strickmützen auf und strickt aus der Wolle einen Pullover.“

Die Familie Sanajew assoziiert man in Russland mit renommierten Schauspielern und Filmschaffenden. Auch Pawel Sanajew hat an der Filmhochschule studiert und ist Drehbuchautor und Filmemacher. Mit seinem ersten Roman, in Moskau bereits 2003 veröffentlicht, stellt er jedoch auch seine schriftstellerischen Fähigkeiten unter Beweis. Er zeigt, wie genau er zu beobachten vermag und wie präzise er ein Milieu schildern und lebendig werden lassen kann. In der Sprache der Großmutter, gefiltert und gebrochen durch den kindlich naiven Erzähler Sascha, entsteht ein lebendiges Bild des Lebens und der Lebensumstände Saschas und seiner Familie.

Gegenseitige Abhängigkeiten

Den Roman eine moderne Variante des Kaukasischen Kreidekreises zu nennen, hieße, nur einen Aspekt dieses Romans herauszustellen. Der Kampf der Großmutter um das Fürsorgerecht für Sascha mit wirklich allen Mitteln erinnert aber tatsächlich sehr an die Brechtsche Parabel. Zwischen den beiden Frauen, Saschas Mutter und Großmutter, wird mit ungleichen Waffen erbittert um den Jungen gekämpft. Die in zahlreichen Kämpfen ihres langen Lebens gestählte Großmutter erweist sich dabei lange Zeit als die Stärkere.

Die Großmutter diskreditiert ihre Tochter über alle Maßen, um den Enkel behalten zu können, gleichzeitig schadet sie dem Enkel permanent, hält ihn klein und dumm und macht ihn von ihrer Fürsorge abhängig, statt ihm Liebe zu geben und ihn in seiner Entwicklung zu fördern. Die junge Mutter besitzt diese Liebe für ihren Sohn, ist aber nicht stark genug, um sich gegen ihre übermächtige, pragmatische Mutter durchzusetzen.

Pawel Sanajew erzählt mit leichter Feder von der schwierigen Konstellation der gegenseitigen Abhängigkeiten in dieser Familie. Er liefert eine wunderbare Detailschilderung eines Messie-Haushalts. Kein einziges Mal erliegt er der Gefahr, ins Sentimentale oder Belehrende abzugleiten. Der Roman ist trotz seines an sich problembeladenen Sujets voller Komik, ohne dass seine tragikomischen Helden jemals in Lächerliche gezogen werden. Gekonnt arbeitet Pawel Sanajew auch mit Mitteln der Groteske, die in der russischen Literatur seit Gogol’ einen festen Platz hat und gerade in der jüngsten Literaturentwicklung eine Renaissance zu erleben scheint.

Kleinere Ungereimtheiten in der Erzählstruktur verzeiht man dem Debütanten gern. So gibt es Episoden, wie die Berichte des Großvaters an den Freund Ljoscha, die nicht in den erzählerischen Rahmen – der als Erinnerungen des bei den Großeltern lebenden Sascha konstruiert ist – passen. Auch das Schlusskapitel fällt chronologisch und inhaltlich aus dem Rahmen heraus. Aber diese Details verlieren an Gewicht gegenüber der insgesamt hervorragend, feinfühlig und humorvoll erzählten Geschichte von Saschas Entwicklung.

„Verflucht sollst du sein …“

Die Übersetzerin Natascha Wodin hat eine ausgezeichnete deutsche Variante des russischen Romans entstehen lassen. Einfach ist es nicht, den russischen Wortschöpfungsreichtum ins Deutsche zu übertragen. Fast ein Drittel des Romans flucht und wütet und schimpft und barmt die theatralische Großmutter und gebraucht dabei ständig Ausdrücke, die eigentlich unübersetzbar sind. Trotzdem liegt im Antje-Kunstmann-Verlag jetzt eine lesenswerte deutsche Übersetzung bereit. Aber wer des Russischen mächtig ist, sollte nicht versäumen, im Internet in das dort frei zugängliche Original zumindest hineinzulesen.

„Verflucht sollst du sein von Himmel, Gott, Erde, Vögeln, Fischen, Menschen, Meeren und Luft!“ So hört sich das an, wenn die Großmutter flucht und dabei noch nicht persönlich wird. „Auf dass du bei lebendigem Leib in Krankenhaus verfaulst! Auf dass der Staphylococcus aureus dich endlich auffrisst!“ wird es dann schon etwas konkreter. Und der siebenjährige Erzähler kommentiert: „Ich lasse bei der Wiedergabe von Großmutters Ausdrücken sowieso alles weg, was man üblicherweise nicht druckt… Dima Tschuganow aus der fünften Klasse erklärte mir, warum man Großmutters Schimpfwörter nicht in Gegenwart von Erwachsenen wiederholen durfte. Dima brachte ich übriges viele von Großmutters Schimpfwörtern bei; am besten gefiel ihm der Ausdruck „nix-ficks-wichs“, mit dem man jeden loswerden konnte.“

Seine Ängste – zum größten Teil von der paranoiden Großmutter gezüchtet – wird Sascha während des Lebens bei der Großmutter natürlich nicht los, da helfen auch die saftigsten Flüche nichts. Die Angst vor dem Friedhof ist eine davon, denn die Großmutter hat Sascha erklärt, dass er spätestens mit 16 Jahren dort enden wird, wo ihn die Würmer anknabbern werden. Sein innigster Wunsch ist es deshalb, hinter der Scheuerleiste, der Fußleiste, begraben zu werden, wenn es denn soweit ist. Allerdings kommt es im Roman nicht dazu – aber mehr zur Handlung soll hier nicht vorweggenommen werden.

Literaturangaben:

SANAJEW, PAWEL: Begrabt mich hinter der Fußleiste. Übersetzt aus dem Russischen von Natascha Wodin. Verlag Antje Kunstmann, München 2007. 237 S. 17,90 Euro.

Zuerst veröffentlicht im April 2007 bei der Berliner Literaturkritik.

 

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