Rafik Schami: Mit fremden Augen

am 22. Aug 2003 in Rezensionen

Seit dem 11. September 2001 werden wir mit Meinungen, Kommentaren und Ansichten zu diesem magischen Datum überschwemmt. Da ist es nötig, die Spreu vom Weizen zu trennen. Das „Tagebuch über den 11. September, den Palästinakonflikt und die arabische Welt“ des Syrers Rafik Schami gehört zum Weizen. Ausrufezeichen!

„Manchmal wird mir bange, wenn ich in der Finsternis der dritten Person stehe, während um mich herum zwei Parteien, von der absoluten Wahrheit erleuchtet, miteinander Krieg führen und rhythmisch rufen ‚Wer nicht für uns ist, ist für die Bösen.’“ So beschreibt der als christlicher Aramäer in einer arabisch-islamischen Kultur aufgewachsene und seit 30 Jahren in Deutschland lebende Syrer seinen Standpunkt.

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Rafik Schami ist jedoch keiner, der schweigt, weil ihm manchmal bange ist. Im Gegenteil. „Wenn sich die Meute gegen etwas richtet, musst du die Gegenposition einnehmen“, schreibt er an anderer Stelle. Und die Meute schreit, der 11. September sei der Beginn eines Krieges gegen die Zivilisation gewesen. Die Meute schreit, der terroristische Anschlag auf das World Trade Center sei ein Anschlag auf die Freiheit und die Zivilisation.

Wortfallen

Diesen Formulierungen sitzt Rafik Schami nicht auf. Das ist einer der Gründe, warum sein Buch zu den ganz wichtigen über den 11. September gehört. Nicht pathetisch und nicht besserwisserisch konstatiert er: Es ist rassistisch zu sagen, dies sei ein Krieg gegen die Zivilisation, denn das würde bedeuten, dass alle Kriege außerhalb der westlichen Metropolen Kriege gegen die Barbaren sind.

Und inwiefern handelte es sich um einen Anschlag auf Freiheit und Zivilisation, stellt Schami das allseits wiedergekäute Postulat in Frage. Er hält dagegen: Es war ein Anschlag gegen die Vereinigten Staaten, und zwar ein verbrecherischer Anschlag mit ungeheurer Symbolkraft, da er sich eindeutig gegen die amerikanischen Machtzentren richtete.

Streithähne

Rafik Schami schreibt nicht nur über den 11. September. Er schreibt über den Palästinakonflikt, „die Wunde, die mein Leben schmerzhaft begleitet und prägt“. Wie ein alter Onkel der Juden und der Araber fühlt er sich, der die beiden Streithähne endlich miteinander versöhnen möchte. Aber diese Versöhnung steht nicht in seiner Macht, anders als bei seinen Roman- und Märchenfiguren, den Handwerkern und Händlern aus den Gassen von Damaskus, die er nach Belieben miteinander streiten und sich versöhnen lassen kann.

Denn eigentlich schreibt Rafik Schami keine politischen Bücher. Er ist ein Schriftsteller, der Erzählungen und moderne Märchen verfasst, und das seit 1965. Wunderbar erzählte poetische Geschichten, schon allein die Titel ein Genuss: „Wie der Kutscher Salim sitzend zu seinen Geschichten kam und sie unendlich lang frisch halten konnte“. So heißt die erste Geschichte des 1989 erschienenen Bandes „Erzähler der Nacht“.

Traumbild

Seine zahlreichen Bücher, die jüngsten Veröffentlichungen sind „Die Sehnsucht der Schwalbe“ und „Angst im eigenen Land“, wurden in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt. Rafik Schami erhielt zahlreiche Preise und ist seit 2002 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Nebenbei ist er auch promovierter Chemiker. Zuvörderst ist Schami aber ein Mensch mit einer großen Sehnsucht: Ein hebräisches und ein arabisches Kind spielen friedlich miteinander.

Diesem Traumbild aus der Zukunft hat Rafik Schami sein Tagebuch gewidmet. Begonnen hat er es einen Monat nach dem Terroranschlag in New York. So lange brauchte er, um „an den Schreibtisch zurückzukehren“. Bis Anfang Mai 2002 kehrt er fast täglich an den Schreibtisch zurück, vernachlässigt seine Romanfiguren, die ihn jeden Abend anmeckerten, wann sie denn zur nächsten Handlung schreiten dürften. Doch Schami setzte Prioritäten.

Kaleidoskop

Ein Tagebuch muss keine stringente Argumentation aufbauen. Es sammelt Gedankensplitter, Eindrücke, Informationen, Gefühle. Es nimmt ins Unreine Gedachtes auf. Es kann von einem Thema zum nächsten abgleiten, abbrechen und nach einer Woche ein ähnliches Thema wieder aufnehmen. Kaleidoskopisch entsteht bei Rafik Schami so ein Bild des Palästinakonflikts, der Auseinandersetzungen zwischen Juden und Arabern, des Islams und der arabischen Welt.

Rafik Schami kann ironisch und böse polemisieren, sei es gegen Enzensberger („diese Kollegen sind gar keine Schnelldenker, sondern machen ihre Schublade mit bereits vorgefertigten Urteilen auf und mischen daraus etwas zusammen“), die Grünen („Unheimlich betroffen müssen wir leider mitmachen, um dem Gemetzel ein Ende zu bereiten“), deutsche Kulturredakteure („An erster Stelle kommen die US-Autoren, an zweiter die Bestseller Italiens und Lateinamerikas, an dritter die in Deutschland, der Schweiz oder in Österreich geborenen Autoren“) oder arabische Präsidenten („unsere Staatschefs lassen im Fernsehen Tag und Nacht wiederholen, wie toll sie sind und wie die Welt um ihre Freundschaft buhlt“).

Weisheit

Rafik Schami schreibt nachdenklich und voller Humor. Ganz persönliche Eindrücke mischen sich mit historischen Recherchen. Er kommentiert das Zeitgeschehen und die Meinungen in den Medien und im Bekanntenkreis. Nicht in allem muss man ihm zustimmen, aber zumindest zuhören. Denn auf eines kommt Rafik Schami immer wieder zurück: Wir müssen unseren Kindern zeigen, dass ein friedliches Zusammenleben der Völker möglich ist.

Dazu braucht es Herz und Verstand und Mut. Rafik Schami würde es alte Weisheit nennen. Er besitzt sie.

Literaturangaben:
SCHAMI, RAFIK: Mit fremden Augen – Tagebuch über den 11. September, den Palästinakonflikt und die arabische Welt. Palmyra-Verlag, Heidelberg 2002. 152 S., 19,90 €.

Zuerst veröffentlicht im August 2003 bei der Berliner Literaturkritik.

Mehr dazu im Netz:

- Link zur Rezension bei der Berliner Literaturkritik / Verwendung der Abbildung mit freundlicher Genehmigung der BLK

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